Das japanische Arzneimittelunternehmen Mitsubishi Tanabe Pharma Corporation (MTPC) hat den Antrag auf Zulassung des Medikamentes Edaravone (Radicava) bei der Europäischen Arzneimittelbehörde (European Medicines Agency, EMA) zurückgezogen. MTPC hatte im Juli 2018 einen entsprechenden Zulassungsantrag gestellt, um für Edaravone den Status eines zugelassenen, verordnungsfähigen und erstattungsfähigen Medikamentes zu erhalten. In Japan, Südkorea, den USA, Kanada und der Schweiz ist die beantragte Zulassung erteilt worden.

Im Gegensatz zu den genannten Ländern hat sich die Arzneimittelbehörde der Europäischen Union (EU) weitgehend ablehnend gegenüber Edaravone positioniert. Aufgrund der ablehnenden Bewertung des Medikamentes durch die EMA hat MTPC keine realistische Perspektive für eine Zulassung erkennen können und den Prozess des Zulassungsantrages nicht weitergeführt. In den öffentlich verfügbaren Dokumenten wird seitens der EMA kritisiert, dass die zu Edaravone durchgeführten Studien nicht den EMA-Leitlinien zur Zulassung neuer ALS-Medikamente entsprechen. Dabei sieht die EMA eine Wirksamkeit für neue ALS-Medikamente grundsätzlich erst dann gegeben, wenn das Medikament mindestens 12 Monate in einer Studie untersucht wurde. In diesem Zeitraum muss eine Überlegenheit des Medikamentes im Vergleich zu einer Placebo-Behandlung gezeigt werden. Weiterhin fordert die EMA einen positiven Effekt neuer Medikamente auf das Überleben von ALS-Patienten. Beide Kriterien (Studienlaufzeit und Überlebenseffekt) wurden in der japanischen Zulassungsstudie nicht erfüllt: Die Studie wurde über sechs Monate realisiert (anstelle von geforderten 12 Monaten). Eine Wirksamkeit auf das Überleben wurde nicht nachgewiesen, da eine Untersuchung der Überlebenszeit in der Studienplanung nicht vorgesehen war. In der Vergangenheit wurden überwiegend Medikamente von der EMA zugelassen, die zumindest in 1 EU-Land untersucht wurde. Die Durchführung der Edaravone-Studie in Japan (ohne Beteiligung von EU-Ländern) hatte möglicherweise einen weiteren Einfluss auf die negative Bewertung des Medikamentes durch die EMA.

Die ablehnende Haltung der EMA gegenüber Edaravone ist überraschend und nur bedingt nachvollziehbar. Nach einem moderneren Verständnis klinischer Studien bei der ALS ist die ALS-Funktionsskala (ALS Functional Rating Scale, ALS-FRS) ein geeignetes Wirksamkeitskriterium bei der ALS. In der Edaravone-Studie in Japan (die zur Zulassung des Medikamentes in Japan, den USA und weiteren Ländern geführt hat) wurde die ALS-Funktionsskala (ALS-FRS) zum Wirksamkeitsnachweis genutzt. Die fehlende Akzeptanz der ALS-FRS als Wirksamkeitskriterium durch die EMA steht im Widerspruch zu der Tatsache, dass die Mehrheit der aktuellen internationalen ALS-Studien sich ebenfalls an der ALS-FRS orientieren. Es bleibt daher zu hoffen, dass in der Zukunft die konservative Haltung der EMA gegenüber der ALS-FRS überwunden wird.

MTPC reagiert mit der Zurückziehung des Zulassungsantrages auf die ablehnende Beurteilung durch die EMA. Sozialrechtlich entspricht die Zurücknahme des Zulassungsantrages einer Ablehnung der Zulassung durch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA. Damit hat sich der rechtliche Rahmen zur Verordnung und Nutzung des Medikamentes in Deutschland erheblich verändert. Die Weiterführung einer bestehenden Edaravone-Behandlung oder der Beginn einer Edaravone-Therapie erfordert (nach Einschätzung verschiedener Juristen) eine Einwilligung durch die betreffende Krankenkasse. Auch im Fall einer bereits vorliegenden Genehmigung (die vor der Beendigung des EMA-Zulassungsantrages erteilt wurde) sollte die Einwilligung durch die Krankenkasse erneuert werden. In der Vergangenheit haben die Krankenkassen bei vergleichbaren Konstellationen (Medikament in den USA zugelassen, jedoch Ablehnung des Zulassungsantrages durch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA) eine weitere Kostenerstattung abgelehnt. Daher ist davon auszugehen, dass die Behandlung mit Edaravone in der jetzigen Darreichungsform (Infusionstherapie) in Deutschland nicht regelhaft zur Verfügung steht. Die Gabe von Edaravone ist in der Zukunft auf die Durchführung klinischer Studien mit Edaravone beschränkt, die für ein orales Edaravone-Präparat vorgesehen ist. An der Untersuchung von Edaravone in Tablettenform (in drei Dosisstärken) wird auch die ALS-Ambulanz der Charité in der Funktion als Studienzentrum teilnehmen.

Für mögliche Rückfragen und detaillierte Auskünfte steht Ihnen Dr. André Maier, bevorzugt per Email zur Verfügung: andre.maier@charite.de

Autor: thomas.meyer@charite.de

Veröffentlichung: 13.06.2019, geändert: 15.06.2019, zuletzt geändert: 15.07.2019