Am 09. Juli 2020 wurden die Ergebnisse der ersten Gentherapie-Studie bei der ALS veröffentlicht. Die Studie wurde mit dem Medikament „Tofersen“ bei ALS-Patienten durchgeführt, die eine SOD1-Mutation aufweisen. Tofersen ist ein innovatives Medikament aus der Gruppe der Antisense-Oligonukleotide (ASO), die darauf abzielen, genetische Informationen im Körper des Patienten zu beeinflussen. Bei ALS-Patienten mit SOD1-Mutationen wird durch Tofersen wird die genetische Information des SOD1-Gens unterdrückt und damit der schädigende Effekt von SOD1-Mutationen reduziert.

Die klinische Studie der Phase 1-2 wurde 18 ALS-Zentren in den USA, Kanada, Deutschland, Belgien, Frankreich und UK durchgeführt. Dabei wurden 38 Patienten mit Tofersen im Vergleich zu 12 Studienteilnehmern mit Placebo untersucht. In der Studie wurden 4 verschiedene Dosierungen von Tofersen hinsichtlich der Verträglichkeit und Wirksamkeit getestet. Die Daten wurden nach einem Behandlungsintervall von 85 Tagen ausgewertet. Die höchste Wirksamkeit zeigte sich in der Untersuchungsgruppe mit 100 mg Tofersen (höchste untersuchte Dosierung; Medikamentengabe einmal im Monat in dem Liquor cerebrospinalis mittels Lumbalpunktion). Die Behandlung mit 100 mg Tofersen bewirkte eine Verminderung der SOD1-Konzentration um mehr als 30%; der Erkrankungsverlauf konnte durch Tofersen verlangsamt werden. Die motorischen Funktionen entsprechend der ALS-Funktionsskala (ALS-FRS) nahmen in der Tofersen-Gruppe um 1,2 Skalenpunkte ab, während der Funktionsverlust in der Placebogruppe 5,6 Skalenpunkte betrug. Die Verträglichkeit von Tofersen war sehr gut: Die häufigsten Nebenwirkungen betrafen die typischen Nachwirkungen der Lumbalpunktion. Spezifische Nebenwirkungen von Tofersen wurden bisher nicht nachgewiesen. Insgesamt sind die Ergebnisse der Tofersen-Studie sehr positiv zu bewerten. Die Tofersen-Studie wurde in der Fachzeitschrift New England Journal of Medicine publiziert:  (Informationen zur Tofersen-Studie finden Sie hier.)

Mit der SOD1-Gentherapie ist es erstmalig in der Geschichte der ALS-Therapieforschung gelungen, die ALS ursächlich zu behandeln. Die bisherigen Therapieansätze (Riluzol, Edaravone) beruhen auf der Beeinflussung allgemeiner Krankheitsprozesse bei der ALS – ohne Veränderung der Ursachen. Mit der positiven Tofersen-Studie konnte das Grundprinzip der ALS-Gentherapie überprüft und bestätigt werden. ASO-Medikamente sind prinzipiell in der Lage, negative Geneffekte zu reduzieren und den ALS-Verlauf zu verlangsamen. Diese Studie ist als erster Schritt in einer längerfristigen Entwicklung von Gentherapie bei der ALS zu betrachten. Tofersen ist zunächst nur für ALS-Patienten vorgesehen, die eine SOD1-Mutation aufweisen. Mit einer Zulassung des Medikamentes ist Ende 2021 zu rechnen (unter der Voraussetzung einer weiteren Bestätigung der positiven Studienergebnisse in einer zweiten, größeren Studie, die bereits stattfindet).

Unabhängig vom Mutationsnachweis ist eine generelle Beteiligung der SOD1 am ALS-Krankheitsprozess nicht auszuschließen. Daher bestehen wissenschaftliche Überlegungen, klinische Studien mit Tofersen bei ALS-Patienten ohne Mutationsnachweis durchzuführen. Neben der SOD1 sind noch weitere Gene bekannt, die eine ALS verursachen (zum Beispiel C9orf72) oder beschleunigen (Ataxin-2) können. Auch für diese ALS-Gene befinden sich ASO-Medikamente in Entwicklung.

Tofersen wird durch Biotechnologieunternehmen Biogen entwickelt. Mit ausgewählten ALS-Zentren wird derzeit ein Konzept vorbereitet, um die medizinischen logistischen Voraussetzungen zu schaffen, um das neue Medikament den geeigneten Patienten zugänglich zu machen (Early Access Program).

Autor: Thomas Meyer

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