Im Mittelpunkt der Ursachenhypothesen der ALS standen Hinweise auf Entzündungsreaktionen in der Umgebung motorische Nervenzellen. Dabei haben mehrere Arbeitsgruppen von der Anreicherung von hirneigenen Entzündungszellen (Mikroglia) berichtet.

Dr. Appel aus Houston/Texas konnte nachweisen, dass 10 Prozent aller Stützzellen im zentralen Nervensystem im Mausmodell der ALS schwerwiegende Entzündungsreaktionen aufweisen und eine aktivierte Form der Mikroglia darstellen.

Mit der Zielstellung einer Modulation des Immunsystems wurde eine Verträglichkeitsstudie mit dem Medikament Copaxone vorgestellt. 20 Patienten wurden mit Copaxone in Kombination mit Riluzol behandelt und hinsichtlich der Nebenwirkungen mit einer Riluzol-Monotherapie verglichen.

Die Arbeitsgruppe von Dr. Gordon an der Columbia-Universität in New York konnte eine gute Verträglichkeit von Copaxone nachweisen. Das Medikament verfügt über eine Zulassung zur Behandlung der schubförmigen Multiplen Sklerose (MS). Aufgrund der immunologischen Veränderungen bei der ALS ist ein positiver Therapieeffekt des ursprünglichen MS-Medikamentes Copaxone denkbar, jedoch noch nicht gesichert.

Die Copaxone-Verträglichkeitsstudie ist als vorbereitender Schritt für eine zukünftige Wirksamkeitsstudie mit Copaxone anzusehen. Mit einer analogen Zielstellung wurde eine Pilotstudie mit dem MS-Medikament Interferon Beta (Betaseron der Fa. Schering AG) vorgestellt. Die Studie befindet sich in den USA in Vorbereitung und soll zunächst ausschließlich Informationen über Nebenwirkungen und Verträglichkeit liefern. Auch dieses Medikament ist bisher zur Behandlung der MS zugelassen und aufgrund der entzündungshemmenden Eigenschaften bei der ALS prinzipiell von Interesse. Eine zukünftige Wirksamkeit bei der ALS ist auch hier unsicher, jedoch Gegenstand zukünftiger Wirksamkeitsuntersuchungen.

Die Pilotstudie mit dem Alzheimer-Medikament Memantine hat in dem ALS-Zentrum in Lissabon unter Leitung von Dr. de Garvalho begonnen. Bisher wurden 20 Patienten für die Memantine-Studie rekrutiert. Die Anzahl der teilnehmenden Patienten ist sehr gering, da ausschließlich Patienten mit einem schwerwiegenden Krankheitsverlauf und hoher Progressionsrate vorgesehen sind. Ein Ergebnis dieser Studie ist nach persönlicher Mitteilung des Studienleiters erst im Jahr 2007 zu erwarten.

Die logistische Durchführung und statistische Auswertung von ALS-Therapie- studien ist sehr komplex. In einem Vorschlag des ALS-Zentrums in San Francisco wird vorgeschlagen, umfangreiche ALS-Datenbanken zu erstellen, um in der Zukunft auf die Durchführung einer Placebobehandlung verzichten zu können („Ein-Arm-Studiendesign“). Voraussetzung ist, dass umfangreiche Daten zum gesamten neurologischen und internistischen Gesundheitszustand von > 1000 Patienten erfasst werden, um solide statistische Informationen zum natürlichen Krankheitsverlauf von Patienten mit einer Riluzol-Monotherapie zu erhalten.

Mit dieser Zielstellung wird seit Mitte 2005 der Krankheitsverlauf aller ALS-Patienten in unserer Ambulanz systematisch erfasst und soll ab Beginn 2006 in eine elektronische Datenbank überführt werden. Mit diesen Anstrengungen beabsichtigen wir, zukünftige Therapiestudien zu vereinfachen und eine Placebobehandlung von ALS-Patienten zu reduzieren.