PRO_Medikamente_Bewertungszyklus_V5In der Medizin sind drei verschiedene Forschungsebenen zu unterscheiden: Grundlagenforschung, klinische Forschung und Versorgungsforschung. In der Grundlagenforschung werden die Ursachen und Mechanismen einer Erkrankung ermittelt. Die klinische Forschung hat zum Ziel, neuartige Medikamente oder Behandlungsverfahren zu entwickeln, um eine Erkrankung zu verlangsamen, zum Stillstand zu bringen oder sogar zu heilen. Im Idealfall greift die klinische Forschung auf Ergebnisse der Grundlagenforschung zurück. Die Versorgungsforschung untersucht die Möglichkeiten, bereits vorhandene Medikamente und Behandlungsverfahren so einzusetzen, dass ein Optimum an Lebensqualität und Behandlungseffekten zu erreichen ist.

Bei der ALS bedeutet dies, Organisationsformen zu entwickeln, dass die vorhandenen Medikamente, Hilfsmittel sowie Methoden der Ernährungs- und Beatmungsversorgung zum optimalen Zeitpunkt und in einem angemessenen Umfang zur Verfügung stehen. Die Versorgungsforschung sorgt dafür, dass die Ergebnisse der klinischen Forschung in die klinische Praxis überführt werden. Typische Fragestellungen sind: Durch welche organisatorischen Maßnahmen und Finanzierungskonzepte kann gewährleistet werden, dass jede ALS-Patientin oder jeder ALS-Patient zum notwendigen Zeitpunkt die erforderlichen Ernährungs- und Atemhilfen erhält? Welcher zeitliche Vorlauf ist einzuplanen, damit die erforderlichen Hilfsmittel zum richtigen Zeitpunkt verfügbar sind? Bei welcher Krankenkasse ist mit einer hohen Ablehnung und deutlicher Verzögerung der Hilfsmittelversorgung zu rechnen?

Der Blick ins Ausland zeigt, wie zentral die Fragen der Versorgungsforschung sind: In unseren Nachbarländern Österreich und der Schweiz werden ALS-Patienten grundsätzlich keine Möglichkeiten der invasiven Beatmungsversorgung angeboten, obwohl die wissenschaftlichen und medizintechnischen Voraussetzungen in beiden Ländern gegeben sind. Damit ist das Überleben von ALS-Patienten in beiden Nachbarländern geringer als in Deutschland, obwohl die Ergebnisse der klinischen Forschung in allen drei Ländern gleichermaßen zur Verfügung stehen. Alleine die Versorgungsstrukturen bestimmen den Unterschied für die Lebenszeit und Lebensqualität in den genannten Ländern.

Auch innerhalb von Deutschland ist davon auszugehen, dass große Unterschiede in der Versorgungsqualität dadurch entstehen, da nicht alle Betroffenen zum notwendigen Zeitpunkt den erforderlichen Zugang zu den vorhandenen Behandlungsoptionen erhalten. Erst eine hochspezialisierte Versorgungsorganisation („Fallmanagement“) macht eine gezielte ALS-Versorgung möglich.

Führende ALS-Zentren in Deutschland haben sich über das AmbulanzPartner-Netzwerk verknüpft, um die Versorgungsabläufe (vor allem für die Hilfsmittel- und Medikamentenversorgung) zu koordinieren und mit einem Fallmanagement zu unterstützen. Eine Besonderheit besteht darin, dass die Versorgungskoordination über das Internetportal AmbulanzPartner „digitalisiert“ wird. Auf diese Weise ist eine systematische Analyse der ALS-Versorgung in den unterschiedlichen ALS-Zentren in Deutschland möglich.

So entsteht erstmalig die Möglichkeit, dass ALS-Zentren untereinander „Lerneffekte“ entwickeln können: Mit welchem Medikament (Hilfsmittel) hat das Zentrum A besonders gute Erfahrungen gemacht, während das Zentrum B dieses Medikament (Hilfsmittel) bisher nicht oder nur geringgradig einsetzt? Wäre es von Vorteil, wenn das Zentrum B dieses Medikament (Hilfsmittel) auch für die Patienten am Zentrum B einsetzt? Lassen sich die positiven Erfahrungen dieses Medikamentes (Hilfsmittel) am Zentrum B auch nachweisen? Wie ist die Zufriedenheit mit diesem Medikament (Hilfsmittel) der Patienten mit dem Medikament (Hilfsmittel) an den Zentren A und B?

Auch die Bewertung von Medikamenten und Hilfsmitteln durch die Betroffenen selbst ist ein Kernelement der modernen Versorgungsforschung. Der subjektive Nutzen von Medikamenten, Hilfsmitteln sowie Ernährungs- und Atemhilfen aus Patientenperspektive ist von entscheidender Bedeutung für die Nutzenbewertung bestehender und neuartiger Behandlungsverfahren.

Patientinnen und Patienten können auf allen drei Ebenen der Forschung unterstützend sein. Bei der Grundlagenforschung steht die Überlassung biologischen Materials im Vordergrund (Bereitstellung von Blut-, DNA- oder Gewebsproben); bei der klinischen Forschung nehmen Patienten an klinischen Studien teil (kontrollierte Medikamentenstudien oder Untersuchungsserien zur Einführung neuer Medizintechnik). Bei der Versorgungsforschung haben Patientinnen und Patienten ebenfalls eine wichtigte Rolle, indem sie ihre Behandlungsdaten zur Verfügung stellen und an systematische Patientenbefragungen teilnehmen.

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