Im Nachrichtenmagazin Der Spiegel Nr. 50 vom 06.12.2004 sowie in einer ZDF-Sendung Frontal 21 im Dezember 2004 wurde das Thema der Stammzelltherapie bei der ALS erneut in die Öffentlichkeit gebracht. Im Zentrum der Berichterstattung steht die Behandlung von ALS-Patienten durch Dr. Huang an einem Klinikum in Peking/China (West-Berge-Krankenhaus). Der medizinische Sachverhalt besteht in einer Gewinnung von Nervenzellen aus Föten der 16. Schwangerschaftswoche, die durch eine Zellkultur vermehrt und durch einen neurochirurgischen Eingriff in den Wirbelkanal injiziert werden. Dieser Behandlung haben sich Patienten mit einem Querschnittssyndrom sowie ALS-Patienten unterzogen. Einzelne Betroffene eines Querschnittssyndroms berichten von einer subjektiven Änderung einer krankheitsbedingten Gefühlsstörung ohne Hinweise auf eine Verbesserung der motorischen Funktionen. Behandlungsergebnisse von ALS-Patienten sind nicht veröffentlicht. Nach Angaben des Spiegel-Artikels verstarben zwei ALS-Patienten im kurzen zeitlichen Verlauf nach Abschluss der Operation. Zu unterstreichen ist, dass die Berichte über Behandlungserfolge durch Stammzelltherapie bei der ALS als unseriös einzuschätzen sind. Diese Einschätzung beruht auf mehreren Erkenntnissen:

  1. Die Umwandlung von fötalen und embryonalen Stammzellen in motorische Nervenzellen ist bisher im Tierexperiment oder in der klinischen Anwendung bisher nicht gelungen.
  2. Die Übertragung von embryonalen Stammzellen in den Wirbelkanal ist technisch unproblematisch, jedoch das „Einwandern“ der Zellen in das Rückenmark an den biologischen Bestimmungsort ist bisher methodisch nicht gelöst. Dabei ist zu bedenken, dass die Nerven- zellen in der räumlichen Anordnung eine sehr komplexe Verbindung mit anderen motorischen Nervenzellen aufnehmen müssen, um eine regelrechte Funktion zu gewährleisten.
  3. Stammzellen sind menschliche Zellen, deren Entwicklungs- und Wachstumspotential unter experimentellen Bedingungen künstlich angeregt wird. Als ungelöstes Problem besteht die Wachstumskon- trolle dieser Zellgruppen, so dass die Herausbildung von Tumoren aus diesen Stammzellen nicht ausgeschlossen werden kann.
  4. Die Ergebnisse von Dr. Huang wurden bisher nicht in der medizinischen Fachliteratur publiziert und überprüft. Die fehlende Publikation der Behandlungsergebnisse in der qualifizierten medi- zinischen Literatur lässt die Schlussfolgerung zu, dass medizinische Experten die Ergebnisse nicht reproduzieren können und das sub- jektive Erleben von Behandlungserfolgen einem Placeboeffekt zuzu- ordnen ist.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Behandlung mit Stammzellen bei der ALS derzeit leider ohne theoretische, wissenschaftliche und klinische Grundlage ist. Die Berichte einzelner Betroffener (mit einem Querschnitts- syndrom) sind dem Spontanverlauf der Erkrankung bzw. einem Placeboeffekt zuzuordnen. Zu betonen ist, dass die unseriöse Behandlungsofferte mit Kosten von 20.000 Dollar pro Eingriff verbunden ist. Diese finanziellen Praktiken sind als unethisch einzuschätzen und lassen Rückschlüsse auf den unseriösen Charakter der Behandlungspraktiken zu.