Ab Oktober 2011 ist eine wissenschaftliche Untersuchung zu emotionalen Prozessen bei der ALS geplant. Die Untersuchung soll mehrere Fragen zu emotionalen Verarbeitungsprozessen bei der ALS an sich und im Vergleich zu anderen neurodegenerativen Erkrankungen beantworten. Der wissenschaftliche Hintergrund der Studie besteht darin, dass bisher emotionale Prozesse bei neurodegenerativen Erkrankungen einschließlich der ALS wenig untersucht sind und zugleich für die Lebensqualität der Betroffenen von erheblicher Bedeutung  sind. Durch eine recht einfache und nicht invasive Methode sollen die „emotionale Aufmerksamkeit“ und das „emotionale Gedächtnis“ untersucht werden. Bisher ist unklar, ob und in welchem Ausmaß emotionale Defizite bei der ALS nachweisbar sind. Dabei zielt die Untersuchung auf neurobiologische Prozesse und nicht in erster Linie auf die konkreten biographischen Belastungen, die sich aus der ALS-Erkrankung ergeben. Die wissenschaftliche Fragestellung besteht vielmehr darin, ob neben den vordergründigen motorischen Defiziten auch andere Bereiche des Nervensystems beteiligt sind und eine bisher unterschätzte Belastung für ALS-Betroffene darstellen. Ein belastendes Symptom der ALS kann das pathologische Lachen oder Weinen sein, das bei einer Untergruppe der ALS nachweisbar und behandlungsbedürftig ist. Diese Patientengruppe deutet darauf hin, dass emotionale Prozesse bei der ALS von Bedeutung sind, obgleich sie nicht in die Kategorie motorischer Symptome fallen.

Möglicherweise lassen sich auch bei Patienten ohne eine offensichtliche „Affektlabilität“ (pathologisches Lachen/Weinen) Schwierigkeiten der Emotionsverarbeitung nachweisen. Die Ergebnisse der Untersuchung könnten zu verbesserten Behandlungsformen, z. B. durch moderne emotionsstabilisierende Medikamente führen. Die geplante Untersuchung ist ein erster Schritt, um eine Bestandsaufnahme in dieser Fragestellung zu unternehmen. Innerhalb dieser ersten Untersuchung kommen keine Medikamente oder andere Interventionen zum Einsatz. Es handelt sich um eine „Fragebogen-Studie“ die von einer Neuropsychologin durchgeführt wird. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht ein Testverfahren, in dem Ihnen als Patient 54 Fotos mit neutralen Inhalten (Möbel, Haushaltsgegenstände, Landschaften, Gesichter ) oder mit emotionalen Inhalten (lachende Gesichter, Erotika, Unfälle, gefährliche Tiere etc.) auf einem Computerbildschirm dargeboten werden. Die Fotos sind Bestandteil einer neuropsychologisch definierten Bildbibliothek, die zur experimentellen Untersuchung emotionaler Prozesse eigens konzipiert und veröffentlicht wurde. Nach der Präsentation des Bildes werden Sie aufgefordert, mittels einer Skala die Fotos emotional zu bewerten (angenehm, neutral, unangenehm), es folgt eine Pause von ca. 10 Minuten. Im Anschluss daran werden die zuvor präsentierten 54 Fotos und 54 neue Fotos in zufälliger Reihenfolge dargeboten. Ihre Aufgabe besteht darin, diejenigen Fotos zu benennen, die Sie im ersten Teil des Experimentes bereits gesehen haben. Die Auswahl treffen Sie durch zwei einfach zu bedienende Schalter mit den Kategorien „schon mal gesehen“ und „vorher noch nicht gesehen“. Durch diesen sehr einfachen Test kann erkannt werden, ob ALS-Patienten eine bessere Erinnerungsfähigkeit an Fotos mit bestimmten Emotionsinhalten aufweisen und generelle Veränderungen im emotionalen Verarbeitungsprozess bestehen. Die Untersuchung wird im Anschluss an eine reguläre Visite in unserer Ambulanz stattfinden. Sie müssten eine zusätzliche Zeit von 2 Stunden einplanen. Selbstverständlich könnte eine Ruhephase zwischen der ALS-Visite und der neuropsychologischen Untersuchung eingerichtet werden. Der Test findet in einem separaten Raum unter Ausschluss des sonstigen Ambulanzbetriebes statt. Die Ergebnisse dieser Studie werden in verschlüsselter Weise erfasst und nach den Vorgaben eines medizinisch-wissenschaftlichen Studienprotokolls und eines vorliegenden Ethikvotums vertraulich behandelt. Studienleiter ist Dr. Thomas D. Hälbig, Facharzt für Neurologie und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung für Neuropsychiatrie an der Charité.