Ab Juli 2007 ist eine Pilotstudie zur Behandlung des unerwünschten Gewichtsverlustes bei der ALS (ALS-Kachexie) vorgesehen. Wissenschaftlicher Hintergrund des Vorhabens ist eine negative Prognose der ALS mit einem hochgradigen Gewichtsverlust: bei einer Gewichtsabnahme von > 10 % des Ausgangsgewichts besteht eine mehrfach erhöhte Sterblichkeit (Mortalität) im Vergleich zu normalgewichtigen ALS-Patienten. Der Gewichtsverlust erscheint als unabhängiger Risikofaktor. Auch bei ausreichender Atemfunktion ist die ALS-Kachexie mit einer negativen Prognose verbunden. Eine exakte Ursache der ALS-Kachexie ist unbekannt. Diskutiert wird eine Stoffwechselveränderung (vermehrter Ruheumsatz und Hypermetabolismus) der möglicherweise einen eigenen Bestandteil des ALS-Krankheitsmechanismus darstellt. Diese Hypothese geht auf eine Untergruppe von ALS-Patienten zurück, die noch vor Beginn hochgradiger Lähmungen und ohne Vorliegen einer Schluckstörung einen schweren Gewichtsverlust (10-30 kg) erleiden. Weiterhin kommt es bei der Mehrheit von ALS-Patienten aufgrund bestehender Schluckstörungen (Dysphagie) zu einer unerwünschten Gewichtsabnahme. Durch den negativen Einfluss der ALS-Kachexie auf das Überleben und die Lebensqualität stellt die Verhinderung des Gewichtsverlustes ein eigenständiges Therapieziel dar. An der Charité wurden seit 2005 mehrere Patienten mit dem Medikament Olanzapin behandelt. Olanzapin ist seit 1998 als atypisches Neuroleptikum zur Behandlung der schizophrenen Psychose zugelassen. Es handelt sich um ein modernes  Medikament, das eine sehr gute Verträglichkeit  hat und „typische“ Auswirkungen der psychiatrischen Medikamente nicht mehr aufweist. Daher wurde die Bezeichnung des „atypischen“ Neuroleptikum gewählt. Die Auslösung eines Parkinson-Syndroms oder anderer stigmatisierender Nebenwirkungen der historischen neuroleptischen Medikamente sind bei Olanzapin nicht mehr anzutreffen. Eine Abhängigkeit oder sonstige unerwünschte, psychische Effekte sind nicht zu erwarten. Als wesentliche Nebenwirkung von Olanzapin ist eine Gewichtszunahme bis zu 1 kg pro Monat mit einer mittleren Gewichtszunahme nach einem Jahr von 10 – 15 kg bekannt. Dieser Effekt ist bei den psychiatrischen Patienten unerwünscht, jedoch bei der ALS von möglichem Vorteil. Die Mechanismen der Olanzapin-bedingten Gewichtszunahme sind bisher unbekannt. Diskutiert werden positive Effekte auf den Appetit und eine Veränderung der Stoffwechsellage durch neuroendokrinologische Prozesse.  Die bisherigen Ergebnisse der Olanzapin-Behandlung von ausgewählten ALS-Patienten zeigte eine Gewichtsstabilisierung bis hin zur deutlichen Gewichtszunahme, die mit einer Verbesserung des Allgemein- und Ernährungszustandes verbunden war und von den Patienten positiv bewertet wurde. In einer kontrollierten Wirksamkeits- und Verträglichkeitsstudie soll überprüft werden, ob Olanzapin bei der Behandlung der ALS-Kachexie therapeutisch wirksam und hinreichend verträglich ist. Ab Juli 2007 können ALS-Patienten aus Deutschland an der Studie OLN-ALS01 teilnehmen, die einen unerwünschten Gewichtsverlust erlitten haben und die folgenden Ein- und Ausschlusskriterien erfüllen:

Einschlusskriterien:
  • Diagnose einer ALS oder der klinischen ALS-Variante einer Progressiven Muskelatrophie (PMA)
  • Symptombeginn der Lähmungen (Paresen) vor mindestens 6 Monaten
  • Behandlung mit Riluzol (Rilutek) seit mindestens 1 Monat
  • Verlust von > 10 % des Körpergewichts im Vergleich zum Körpergewicht vor Paresebeginn
  • Verlust > 2,5 % des Körpergewichts in den vorangegangenen 3 Monaten vor Studieneinschluss
  • Ausreichende Schluckfunktion
Ausschlusskriterien (Auswahl):
  • Bewusste Gewichtsabnahme
  • Essstörung oder unerwünschte Gewichtsabnahme mehr als 12 Monate vor Beginn der Lähmungen
  • Konsumierende Grunderkrankung mit unerwünschter Gewichtsabnahme (z. B. Tumorerkrankungen oder schwere Infektionserkrankungen)
  • Ernährungssonde (PEG)

Die Studie wird als randomisierte und placebokontrollierte sowie doppelblinde Prüfung durchgeführt. 50 % der Studienteilnehmer erhalten Olanzapin in Kombination mit der vorbestehenden Riluzol-Medikation (Gruppe 1) während weitere 50 % der Studienteilnehmer mit Placebo in Kombination mit Riluzol (Gruppe 2) behandelt werden. Die Zuordnung zu den Behandlungsgruppen (Gruppe 1 oder Gruppe 2) wird durch einen Zufallsgenerator festgelegt (Randomisierung), der vom Koordinierungszentrum für klinische Studien (KKS) der Charité überwacht wird. Der Arzt an der ALS-Ambulanz und die behandelten Patienten haben gemeinsam keine Kenntnis, ob die Behandlung mit Olanzapin oder Placebo erfolgt  (Doppelblindstudie). Dieses methodische Vorgehen ist zwingend erforderlich, um eine therapeutische Wirksamkeit zu beweisen und Verfälschungen der Studienergebnisse durch Wunschdenken und andere psychologische Effekte zu verhindern (Placeboeffekt). Die Studie beginnt mit einer Beobachtungsphase von 12 Wochen (Running-in-Phase), nach der eine Gewichts- und Körperkompositionsmessung durchgeführt wird. Weiterhin werden die Patienten gebeten, ihre tägliche Nahrungsmenge zu dokumentieren. Mit diesen Daten wird ermittelt, ob ein schwerwiegender oder geringergradiger Gewichtsverlust vorliegt. Diese Information ist für die statistische Information der Untersuchung von Bedeutung. Nach Abschluss der Beobachtungsphase erfolgt die Randomisierung (zufällige Zuordnung zu den Gruppen 1 oder 2). Nach der Randomisierung wird eine Behandlung für 52 Wochen durchgeführt, in insgesamt 10 ambulanten Visiten im Abstand zwischen 1 und 2 Monaten erforderlich werden. Die Visitendauer umfasst 1,5 bis 2 Stunden. Eine stationäre Aufnahme ist im Rahmen der Studie nicht erforderlich. Während der Visiten werden Befragungen, neurologische Untersuchungen und verschiedene Tests (Körpergewichtsmessungen, Vitalkapazitätsbestimmungen,  Bioimpedanzspektroskopie zur Bestimmung der Körperkomposition, EGK, etc.) durchgeführt. Invasive Untersuchungen und belastende Prozeduren sind nicht Bestandteil der Studie.

Das Medikament Olanzapin wird vom pharmazeutischen Hersteller kostenfrei zur Verfügung gestellt. Die personellen, logistischen und administrativen Kosten der Studie belaufen sich auf 135.000 Euro, die aus Spendenmitteln zur Verfügung gestellt wurden. Aufgrund der begrenzten finanziellen Ressourcen sind Reisekosten oder sonstige Aufwendungen nicht erstattungsfähig. Grundsätzlich ist eine bundesweite Teilnahme an der Studie möglich.

Anfragen zur Studienteilnahme werden in unserer Ambulanz gern entgegengenommen. Bitte übersenden Sie die Kopie eines Arztbriefes, aus dem der Krankheitsverlauf und die Diagnose einer ALS-Erkrankung hervorgehen. Weiterhin bitten wir um die Angaben Ihrer persönlichen Daten und die Gewichtsentwicklung auf dem anbei befindlichen Fragebogen.