Die Teilnahmemöglichkeit an der EMPOWER-Studie ist seit September 2011 abgeschlossen. Die klinische Prüfung wird bis Ende 2012 durchführt. Durch die doppelblinde Studiendurchführung (weder der Patient, noch der Studienarzt kennt die Zuordnung zum Prüfpräparat oder Placebo) ist während der laufenden Studie keine Aussage zu Therapieeffekten möglich. Erst die vollständig statistische Analyse wird eine zuverlässige Aussage über das therapeutische Potenzial des Wirkstoffes Dexpramipexol (DXP) zulassen.
Seit Sommer 2011 wird eine ALS-Therapiestudie mit dem Medikament DXP in unserer Ambulanz unter dem Namen EMPOWER-Studie durchgeführt. DXP ist ein innovatives Medikament des USA-amerikanischen Arzneimittelunternehmens Biogen Idec, das in Zusammenarbeit mit dem Biotechnologieunternehmen Knopp Neurosciences bei der ALS untersucht wird. DXP weist strukturelle Ähnlichkeiten zu dem Parkinson-Medikament Pramipexol auf und hat positive Effekte in Tiermodellen der ALS gezeigt. DXP wurde im deutschen Arzneimittelunternehmen Boehringer Ingelheim im Ergebnis der dortigen Parkinson-Forschung entwickelt. DXP unterscheidet sich von dem etablierten Pramipexol in einer relativ kleinen chemischen Modifikation, die jedoch erhebliche pharmakologische Unterschiede zwischen beiden Substanzen hervorbringt. Das neue Medikament DXP zeigt keinerlei parkinsonverändernde Eigenschaften, jedoch nervenzellschützende (neuroprotektive) Merkmale. Die neuroprotektive Funktion von DXP wird durch seine Bindung an die Mitochondrien der Nervenzellen vermittelt. Mitochondrien sind elementare Bestandteile der menschlichen Zellen, die für die „Energieproduktion“ zuständig sind.
In einer vorangegangenen Phase II-Studie an der Harvard-Universität in Boston (USA) wurde bei mehr als 100 ALS-Patienten die Verträglichkeit von DXP untersucht. In dieser Pilotstudie konnte eine gute Tolerabilität der Substanz gezeigt werden. Zusätzlich ergaben sich Hinweise auf eine positive Beeinflussung des Krankheitsverlaufs mit einer Reduktion von 20 % der Krankheitsprogression. Aufgrund der geringen Patientenzahl ist diese Beobachtung als ein statistischer Trend zu bewerten und noch nicht als abschließende Aussage über die Wirksamkeit des Präparates. Aufgrund der noch offenen Frage der Wirksamkeit bei optimistischen Vordaten wird die EMPOWER-Studie (Phase III) durchgeführt. In der Studie wird ein möglicher therapeutischer Effekt von DXP in Kombination mit Riluzol untersucht. Das Medikament zielt auf eine Verlängerung des Überlebens und eine Verlangsamung des ALS-Krankheitsverlaufes ab. Eine abschließende Beurteilung der klinischen Effektivität des Medikamentes ist erst nach Abschluss einer 18-monatigen Therapiestudie möglich. Die Medikamentenstudie wird in Frankreich, Deutschland, Italien und Belgien durchgeführt. In Deutschland wird die Studie an unserer ALS-Ambulanz der Charité in Berlin sowie den Universitätskliniken in Bochum, Jena, Hannover und Ulm realisiert. An der Studie werden über 900 ALS-Patienten in Deutschland, Frankreich, Spanien, den Niederlanden, Belgien, den USA, Kanada und Australien teilnehmen. Die Behandlung erfolgt über 18 Monate. Aufgrund des Placebo-kontrollierten Studiendesigns werden mehr als 400 ALS-Patienten DXP erhalten, während die andere Hälfe der Patienten mit einem Placebo-Präparat behandelt wird. Nach 18 Monaten erhalten alle Patienten die Möglichkeit, an einer offenen Nachfolgestudie („open label extension“) teilzunehmen, in der sie in jedem Fall mit DXP behandelt werden.
Für eine Studienteilnahme waren Patienten geeignet, die den folgenden Ein- und Ausschlusskriterien entsprechen:
Einschlusskriterien:
- Diagnose einer ALS
- Erkrankungsdauer von maximal 24 Monaten (seit Beginn von Paresen oder Sprechstörung)
- Atemkapazität (SVC > 65 %)
- Alter zwischen 18 und 80 Jahren (inklusive)
- Erhaltene Schluckfunktion und Fähigkeit der oralen Medikamenteneinnahme bei Studienbeginn
Ausschlusskriterien:
- Schwerwiegende internistische Erkrankung
- Schwerwiegende Laborveränderungen, insbesondere der Leberparameter
- Demenz oder psychiatrische Grunderkrankungen
- Teilnahme an einer anderen klinischen Studie innerhalb der letzten 30 Tage vor Studienbeginn
Die Behandlung mit einer perkutanen endoskopischen Gastrostomie (PEG; „Ernährungssonde“) ist grundsätzlich kein Ausschlusskriterium, sofern das Prüfpräparat bei Studienbeginn oral aufgenommen werden kann. Dabei kann das Medikament auch zerkleinert und in dieser Form oral aufgenommen werden. Im weiteren Studienverlauf ist bei Notwendigkeit einer PEG-Ernährung die Medikamentengabe auch über die Ernährungssonde möglich. Auch die Behandlung mit einer nicht-invasiven Maskenbeatmung ist kein prinzipielles Ausschlusskriterium, sofern die Atemkapazität nicht wesentlich eingeschränkt ist (SVC > 65 %).
Im Prüfprotokoll wurden noch weitere Ein- und Ausschlusskriterien definiert, die im persönlichen Patientenkontakt erfasst werden.
Die Medikamentenstudie EMPOWER wird als placebo-kontrollierte Prüfung durchgeführt. Nach dem Zufallsprinzip („Zufallsgenerator“) wird durch eine übergeordnete Institution die Zuweisung der Studienteilnehmer in zwei unterschiedliche Gruppen vorgenommen. Eine Gruppe erhält DXP in Kombination mit Riluzol, während eine andere Gruppe ein Placebopräparat in Kombination mit Riluzol erhält.
- Gruppe 1: DXP 300 /Tag (2 Tabletten je 150 mg /Tag)
- Gruppe 2: Placebo
Die Zuweisung zur DXP-Gruppe oder Placebo-Gruppe ist dem Studienteilnehmer, aber auch dem behandelnden Arzt nicht bekannt („Doppel-Blindstudie“). Die Kenntnis über die Behandlung liegt ausschließlich bei der studienbeaufsichtigenden Institution („Monitor“). Durch das Grundprinzip einer placebo-kontrollierten und doppelblinden Studie soll erreicht werden, dass nur objektive Medikamenteneffekte berücksichtigt werden und verständliche Wunschvorstellungen einer möglichen Verbesserung der Symptomatik („Placeboeffekt“) unterschieden werden. Das Prinzip einer Placebokontrolle von klinischen Prüfungen hat sich im gesamten Gebiet der Medizin durchgesetzt, um ein Höchstmaß an Objektivität und Sicherheit von Medikamentenuntersuchungen zu erreichen. Die Sicherheit einer placebo-kontrollierten Studie wird dadurch gewährleistet, dass eine kontinuierliche Erfassung und Auswertung von unerwünschten Ereignissen durch eine Studienorganisation („Monitor“) besteht. Bei klinisch schwerwiegenden Ereignissen wird kenntlich gemacht, ob DXP oder Placebo zum Einsatz kommt.
Die Studienteilnahme setzt die folgenden ambulanten Visiten in unserer Sprechstunde voraus:
- Screeningvisite (max. 28 Tage vor der Einschlussvisite) vor Studienbeginn
- Einschlussvisite
- Kontrollvisite nach 2 Wochen
- Kontrollvisite nach 1 Monat
- Kontrollvisite nach 2 Monaten
- Kontrollvisite nach 4 Monaten
- Kontrollvisite nach 6 Monaten
- Kontrollvisite nach 8 Monaten
- Kontrollvisite nach 10 Monaten
- Kontrollvisite nach 12 Monaten
- Kontrollvisite nach 14 Monaten
- Kontrollvisite nach 16 Monaten
- Kontrollvisite nach 18 Monaten (Beendigung der Medikamenteneinnahme)
- Abschlussvisite nach 19 Monaten (nur Nachuntersuchung)
Während der Visiten in unserer Ambulanz werden die folgenden Untersuchungsschritte erforderlich:
- Körperliche Untersuchung
- Elektrokardiographie (EKG)
- Strukturiertes Interview zur Lebensqualität (3 Fragebögen)
- Strukturiertes Interview zum ALS-Schweregrad (1 Fragebogen)
- Laboruntersuchung
- Messung der Einatemkapazität (FNIP) sowie der Ausatemkapazität (SVC)
- Bestimmung des Körpergewichts
- Bestimmung vom Blutdruck und Herzfrequenz
- Erfassung von möglichen unerwünschten Ereignissen (Nebenwirkungen)
- Untersuchung der Muskelkraft an 18 Muskelgruppen mit einem „Kraftmessgerät“ (Dynamometer)
Eine Besonderheit der EMPOWER-Studie besteht darin, dass neben den Ambulanzvisiten, Hausbesuche durch ein spezialisiertes Studienteam durchgeführt werden. Die Zielstellung der häuslichen Visiten besteht darin, die Anzahl der Untersuchungszeitpunkte zu erhöhen, ohne die Belastungen für die Studienteilnehmer zu verstärken. Die Hausbesuche werden durch Studienassistentinnen eines beauftragten Studienunternehmens durchgeführt, die nicht zu unserer ALS-Ambulanz gehören. Die Studienassistentinnen stehen unter Vertrag des Studiensponsors, sind mit dem Protokoll vertraut und agieren in professioneller Weise wie innerhalb einer Klinik. Die häuslichen Studienteams erheben bei jeder Visite einen Fragebogen des ALS-Schweregrades und führen eine Blutabnahme für studienbezogene Laborparameter durch.
Die Studienteilnahme bedeutet die Fortführung der vorher bestehenden Riluzol-Medikation (morgendliche und abendliche Einnahme der Tablette, Einnahme auf „leeren Magen“, etwa 20 Minuten vor der Mahlzeit). Die Studienmedikation (DXP oder Placebo) wird mit jeweils 2 Tabletten zur Mittagszeit eingenommen.
Fragen zur klinischen Studie sind über die folgenden Kontaktpersonen in unserer Ambulanz möglich: